Darf’s noch etwas mehr sein?

Als die Sonnentempler die Erde verliessen

20 Jahre nach Sekten-Drama

20 Minuten am 27. September 2014 21:27; Akt: 27.09.2014 21:27Print

53 Menschen starben am 5. Oktober 1994 beim Drama um die Sonnentempler in der Westschweiz und in Kanada. Die Geschichte der Sekte wirft bis heute viele Fragen auf.

Am 5. Oktober 1994 wurden auf einem Gehöft im Freiburger Weiler Cheiry 23 verkohlte Leichen entdeckt, die Körper waren in Kultgewänder gehüllt. Praktisch gleichzeitig fand die Feuerwehr in Granges-sur-Salvan VS 25 Leichen in den Trümmern eines Chalets. Die Nachricht hatte sich kaum verbreitet, als die Behörden in Kanada einen weiteren Brand mit 5 Toten meldeten.Zunächst ging man von Massenselbstmord aus. Doch die ersten Ermittlungen liessen bald wenig Zweifel daran, dass die meisten Opfer nicht freiwillig starben.Viele der Todesopfer waren erschossen worden.Die Brände wurden erst danach per Zeitzünder ausgelöst. Wer sich erschiessen liess und wer kaltblütig ermordet wurde, bleibt ein Geheimnis. Die Schützen richteten sich offenkundig selber. Hinter der Tragödie stand der belgische Heilpraktiker Luc Jouret, der bereits in den 1980er-Jahren im ganzen französischen Sprachraum, auch in der Westschweiz, Menschen in den Bann gezogen hatte, die eine Apokalypse fürchteten. Er leitete die Sekte mit Jo di Mambro – einem notorischen Betrüger und Seelenfänger erster Güte. (Im Bild: Der Hauptraum des unterirdischen Tempels des Sonnentemplerordens in Cheiry)Das Drama hatte zwei Nachbeben. 1995 wurden 16 Leichen in Grenoble entdeckt, 1997 nochmals fünf Leichen in Kanada. In beiden Fällen handelte es sich um Sektenmitglieder, die den ersten «Transit» verpasst hatten.

23 verkohlte Leichen wurden im Morgengrauen des 5. Oktober 1994 auf einem Gehöft im Freiburger Weiler Cheiry entdeckt, die Körper waren in Kultgewänder gehüllt. Praktisch gleichzeitig fand die Feuerwehr in Granges-sur-Salvan VS 25 Leichen in den Trümmern eines Chalets. Die Nachricht hatte sich kaum verbreitet, als die Behörden in Kanada einen weiteren Brand mit 5 Toten meldeten.

Alle drei Anwesen gehörten dem Orden der Sonnentempler – einer Weltuntergangssekte. Man ging von Massenselbstmord aus. In einem Abschiedsschreiben stand: «Wir verlassen diese Erde ohne Bedauern, um in ganzer Klarheit und Freiheit eine Dimension der Wahrheit zu finden.» Ausserdem waren die beiden Sektenführer Luc Jouret und Jo Di Mambro unter den Toten.

Die Untersuchungen zeigten, dass viele der Menschen erschossen worden waren. Die Brände wurden erst danach per Zeitzünder ausgelöst. Wer sich erschiessen liess und wer kaltblütig ermordet wurde, bleibt ein Geheimnis. Die Schützen richteten sich offenkundig selber.

Weltverbesserer

Am Anfang des Dramas standen Vorträge, die der belgische Heilpraktiker Luc Jouret in den 1980er-Jahren hielt. Im ganzen französischen Sprachraum, auch in der Westschweiz, zog er Menschen in den Bann, die der Esoterik zugänglich waren und die Apokalypse fürchteten.

Jouret konnte sie motivieren, sich für eine friedlichere und ökologischere Welt einzusetzen. Er begann Strukturen zu schaffen für eine Gemeinschaft von Gleichgesinnten, zusammen mit Jo Di Mambro – einem notorischen Betrüger und Seelenfänger erster Güte.

1989 zählten die Sonnentempler 442 Mitglieder, die meisten davon in Frankreich, Kanada und in der Westschweiz. Der Esoterik-Zirkel war nicht geheim, es gab Medienberichte und Werbespots. Dort zeigten sich Sonnentempler als glückliche Gemüsebauern.

Dies aber war bloss die äussere Schale. Denn es gab auch einen inneren Kreis, zu dem nur einige Dutzend Menschen zugelassen waren. Jouret und Di Mambro liessen diese Menschen glauben, sie seien Auserwählte und könnten die Apokalypse in «Überlebenszentren» überstehen.

Transit zum Sirius

Als die Jahre vergingen, fühlte sich Sektenführer Jo Di Mambro immer mehr von der Welt bedrängt. In Kanada wurden Sonnentempler wegen illegalen Waffenbesitzes verurteilt. Die monatelange Überwachung und die Presseberichte setzten Di Mambro zu. Das Geld wurde knapp, weil Geldgeber ausstiegen.

Die Sektenführer begannen den Abschied von dieser Welt vorzubereiten. Sie nannten das – in bester esoterischer Tradition – den «Transit zum Sirius».

In den letzten Wochen ging alles rasend schnell. Erst liess Di Mambro fünf Menschen in Kanada ermorden, weil ein Sektenpaar seinem Kind einen ihm nicht genehmen Namen gegeben hatte. Dann bereitete er mit Jouret das Drama in Cheiry und Salvan vor und nahm Dutzende Menschen mit in den Tod.

Es wurde nie jemand verurteilt

Das Drama hatte zwei Nachbeben. 1995 wurden 16 Leichen in Grenoble entdeckt, 1997 nochmals fünf Leichen in Kanada. In beiden Fällen handelte es sich um Sektenmitglieder, die den ersten «Transit» verpasst hatten. Sie starben freiwillig oder wurden von anderen Mitgliedern erschossen, die sich dann selber richteten.

Die Ermittler kamen nach jedem Drama zum Schluss, alle Schuldigen seien tot. Vor Gericht stand nur der Genfer Dirigent Michel Tabachnik, der Di Mambro nahestand – er wurde in Frankreich freigesprochen. Viele Opferangehörige sind bis heute verbittert, dass nie jemand verurteilt wurde.

(sda)


…eigentlich spricht das für sich…

…Und man ist geneigt zu sagen, typisch Weltuntergangssekte – nicht war?  Aber auch das Christentum, ist nur eine Weltuntergangssekte…

(Der Wechselbalg)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.